Ich hasse Marketing – und bin gerade Marketing Director bei Enduristan geworden

Ich verrate euch mal etwas: Insgeheim – und ziemlich leidenschaftlich – kann ich Marketing und Marketingmenschen nicht ausstehen.

Und jetzt bin ich ausgerechnet Content Growth & Digital Marketing Director bei Enduristan.

Passt irgendwie nicht zusammen, oder?

Ich habe rund sechzehn Jahre auf dem Motorrad gelebt, meinen Lebensunterhalt als freie Autorin verdient und dabei vor allem eines gelernt: Ich liebe Geschichten. Eigentlich schon immer. Seit ich mit vier Jahren lesen konnte. Erst war daRonja Räubertochter. Dann Jules Verne und die unglaublichen Abenteuer von Kapitän Grant. Und mit dreizehn wurde Jack KerouacsOn the Road zu meiner Bibel.

So sehr sogar, dass ich Jahre später auf dem Trans-America Trail mit meiner DR650 plötzlich in Nebraska vor dem Ortsschild von "Ogallala" stand. Ich musste anhalten. Einfach nur das Schild anschauen. Und hatte auf einmal einen ziemlich dicken Kloß im Hals.

Ja, ich bin wohl hoffnungslos romantisch – auch wenn ich das öffentlich niemals zugeben würde. Und genau deshalb bedeuten mir gute Geschichten so viel. Mit Anfang zwanzig arbeitete ich in einer Redaktion und schrieb über Politik und Kultur. Später kamen investigativer Journalismus, freies Schreiben und noch einiges mehr dazu.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich Marketing mit einer gehörigen Portion Skepsis begegne.

Denn Marketing macht vieles kaputt.

Sogar Motorradreisen.

Denkt mal darüber nach: Früher waren Reiseenduristen Freigeister. Sie stiegen auf irgendein Motorrad, bauten dran, was sie gerade auftreiben konnten – von umfunktionierten Pferdesatteltaschen bis zu den wildesten Eigenkonstruktionen (man denke nur an Elspeth Beard, lange bevor Alukoffer überhaupt zum Standard wurden) – und fuhren einfach los.

Genau darum ging es doch: zwei Räder, die offene Straße und die unstillbare Neugier darauf, was hinter dem nächsten Horizont liegt.

Dann kamLong Way Round.

Und es war eine großartige Geschichte.

Nur wurde sie gekapert, noch bevor viele von uns überhaupt die Landkarte der Mongolei aufgeschlagen hatten.

Die wilde, manchmal leicht verrückte und vor allem ehrliche Geschichte von zwei Freunden, die sich – Prominentenstatus hin oder her – aufmachten, die Welt mit zwei Motorrädern zu umrunden, war etwas Besonderes. Über die Fortsetzungen kann man streiten. AberLong Way Round war echt. Dafür lege ich die Hand ins Feuer.

Die Serie hat inspiriert.

Sie hat in uns etwas geweckt.

Da waren die schönen Momente – Ewan McGregor mit der Gitarre bei Crazy Igor in der Ukraine, die Begegnungen mit mongolischen Nomaden, Nächte unter dem Sternenhimmel. Die komischen – wenn Charley mit seinem wackelnden Bauch demonstrierte, was Wellblechpisten mit einem machen. Und auch die harten – oder vielleicht gerade die: Claudios BMW, die endgültig den Geist aufgab, oder der erbitterte Kampf durch die eisigen sibirischen Flüsse.

Ja, Ewan und Charley hatten Sponsoren. Manche würden sagen, sie hatten zu viel Unterstützung, zu viel Ausrüstung oder zu viel Hilfe. Trotzdem hatLong Way Round bei uns allen die Sehnsucht nach Abenteuer geweckt – nach dieser rohen, ungefilterten Art von Abenteuer, bei der man sich seinen Weg durch verrücktes Gelände selbst erkämpft.

Unzählige Menschen haben kurz nach der letzten Folge mit dem Adventure Riding begonnen, weil sie genau diesem Gefühl hinterherjagen wollten: sich grenzenlos frei zu fühlen. Und lebendig.

Long Way Round markierte aber auch einen Wendepunkt in der Welt der Motorradreisen. Nur wenige Jahre nach Ewan und Charleys großer Reise blätterten wir plötzlich lieber in Zubehörkatalogen als in Landkarten – und kauften neue Motorräder mit möglichst großem Hubraum, statt einfach mit dem loszufahren, was ohnehin schon in der Garage stand.

Nach und nach hörten Enduroreisen auf, ein Lebensstil zu sein. Eine Reise, die man vielleicht nur einmal im Leben macht. Eine Expedition – mal etwas verrückter, mal etwas weniger – durch ein Land oder über einen ganzen Kontinent.

Es wurde zu einer Industrie.

BMW spielte dabei naturgemäß ganz vorne mit. Hersteller von Ausrüstung, Gepäcksystemen und Zubehör zogen schnell nach. Spätestens 2016 waren Foren wie Horizons Unlimited oder ADVrider – Orte, an denen man sich früher über Motorradtechnik, Routen oder Grenzübertritte austauschte – zunehmend von Facebook-Gruppen verdrängt worden. Dort diskutierten wir endlos darüber, ob MotoZ- oder Pirelli-Reifen die besseren sind, machten uns über Motorräder mit zu viel Gepäck oder zu wenig Leistung lustig und blickten auf alle herab, die nicht gerade den neuesten, robustesten Adventure-Anzug der Saison trugen.

Wir tauschten die Ruhe im Helm gegen komplexe Intercom-Systeme. Die Ungewissheit gegen Navigations-Apps. Und den ehrfürchtigen Moment, wenn die Sonne hinter den Gipfeln der Anden verschwindet, gegen perfekt geschnittene Instagram-Reels.

Fast unbemerkt ließen wir uns einreden, dass wir unsere Ténéré oder DesertX dank eines cineastischen Werbevideos genauso mühelos durch sandige Kurven driften lassen könnten wie Pol Tarrés. Dass wir genau diese Zusatzscheinwerfer brauchen. Diese beheizbaren Griffe. Und natürlich die neueste Adventure-Hose.

Und irgendwo auf diesem Weg haben wir kaum noch bemerkt, dass wir zwar die zehnte Liste mit den »Top 10 Adventure-Jacken der Saison« lesen und das nächste Unboxing-Video anschauen – selbst aber schon lange nicht mehr einfach losgefahren sind.

Genau das meine ich, wenn ich sage, dass Marketing alles kaputtmacht: Wenn es nur auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, wird Marketing zu einer raffinierten Verkaufstechnik. Es soll uns davon überzeugen, Dinge zu kaufen, die wir eigentlich gar nicht brauchen – zu Preisen, die selten angemessen sind und unserem eigentlichen Abenteuer kaum einen echten Mehrwert bringen.

Deshalb sage ich, dass ich Marketing hasse: dieses gesichtslose Hochglanz-Versprechen ohne echten Inhalt. Es sieht in YouTube Shorts fantastisch aus, hinterlässt aber vor allem eines: ein leereres Portemonnaie, eine kürzere Reiseroute und – wenn man sich das beworbene Produkt nicht leisten kann – das nagende Gefühl, irgendwie kein »richtiger« Adventure Rider zu sein.

Ich kenne dieses Gefühl selbst.

2013 war ich mit einer namenlosen 150-Kubik-Maschine namensBlinkin in Südamerika unterwegs. Meine Ausrüstung hätte die Designer von Leatt vermutlich zur Verzweiflung gebracht, und mein Gepäck bestand aus einem ziemlich mitgenommenen Rucksack, den ich mit ein paar Spanngummis auf dem Sozius festgezurrt hatte.

Elegant? Ganz bestimmt nicht.

Cool? Leider auch nicht. Eher herrlich unbeholfen.

Funktional? Meistens schon. Zumindest an den meisten Tagen. Und solange die bolivianischen Wellblechpisten mitspielten.

Und trotzdem hat mich genau dieses Motorrad mit genau diesem Gepäck fast zwei Jahre lang zuverlässig durch ganz Südamerika getragen. Ich war glücklich – bis mir irgendwann die BMW-GS-Fahrer auffielen, geschniegelt und geschniegelt mit ihrem glänzenden Touratech-Equipment.

Warum auch immer: Ausgerechnet ihre Tankrucksäcke hatten es mir angetan. Einen Touratech konnte ich mir damals unmöglich leisten – ich befand mich noch in meiner Instant-Nudeln-und-Wildcampen-am-Straßenrand-Phase. Also schmiedete ich einen genialen Plan.

Ich schnallte einfach meinen Schlafsack auf den Tank.

Aus ein paar Metern Entfernung sah das fast wie ein Tankrucksack aus.

Und plötzlich fühlte ich mich wie eineechte Adventure Riderin.

Seien wir ehrlich: Solche Momente hatten wir doch alle.

Dank Marketing.

*allein der Gedanke lässt mich schaudern*

Versteht mich nicht falsch: Es geht mir nicht darum, dass gute Ausrüstung etwas Schlechtes wäre. Touratech baut seit Jahrzehnten hervorragende Alukoffer. Und einige meiner Gehirnerschütterungen wären vermutlich deutlich schlimmer ausgegangen, wenn ich keinen Leatt-Neck-Brace getragen hätte. Ein gutes Fahrwerk statt der serienmäßigen Federung? Jederzeit.

Viele Umbauten, Ausrüstungsgegenstände und clevere Zubehörteile sind schlicht großartig. Und ja, manchmal übertreiben wir es alle ein bisschen mit den Upgrades – sagt die Frau, die sich gerade TwinPegs an ihr Motorrad geschraubt hat und sie liebt.

Mit Unternehmen, die gute Produkte entwickeln, habe ich kein Problem.

Mein Problem sind Marketer, die uns ständig und mit aller Macht etwas verkaufen wollen. Laut. Aufdringlich. Über jeden denkbaren Kanal.

Wie kommt es also, dass ich vor genau einem Monat in der Schweiz David Jenni, dem Gründer von Enduristan, gegenübersaß und ihm die Hand darauf gab, als Content Growth & Digital Marketing Director bei Enduristan einzusteigen?

Haben sie mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte?

Habe ich meine Seele verkauft?

Nein.

Und nochmal: nein.

Meine Seele ist noch da, danke der Nachfrage. Und Enduristan hat mir auch kein schillerndes Angebot gemacht. Im Gegenteil: Ich war diejenige, die mit aller Kraft für diese Stelle gekämpft hat – und mich gegen mehrere Bewerberinnen und Bewerber durchgesetzt hat, die den Job vielleicht sogar mehr verdient hätten als ich.

Denn das entscheidende Wort ist hier: Ehrlichkeit.

Und noch eines: Herz.

David und sein Team wollen nicht, dass ich Marketing im klassischen Sinn mache.

Sie wollen keine geschniegelt produzierten Werbevideos. Kein Corporate-Sprech. Keine aufdringliche Werbung, keine Black-Friday-Schlacht und keine Botschaft nach dem Motto: »Kauf das – dann gehörst du zu den Coolen.«

Sie wollen Geschichten.

Nicht meine.

Nicht ihre.

Eure.

Sie wollen Menschen erreichen, die sich immer noch dafür interessieren, was hinter dem nächsten Horizont liegt. Sie wollen von der verrückten und wunderbaren Reise einer Fahrerin oder eines Fahrers erzählen, die oder der auf einem Enduro-Bike von 2006 durch Kenia fährt, unterwegs Wildtiere fotografiert und Reparaturen am Straßenrand dokumentiert – auf ihre oder seine ganz eigene Weise. Sie wollen einer 23-jährigen Motorradfahrerin dabei helfen, ihren Traum von einer ersten Reise durch die Mongolei zu verwirklichen.

Sie möchten von dem Moment hören, wenn ihr nach der Fähre in Marokko auf den ersten Dünen des Erg Chebbi merkt, dass nicht nur eure Kupplung, sondern auch eure Nerven auf die Probe gestellt werden. Sie wollen wissen, wie sich euer Gepäck auf einem besonders anspruchsvollen Abschnitt des Colorado BDR geschlagen hat.

Vor allem aber wollen sie Menschen unterstützen, die im Stillen den Unterschied machen. Die kleine Motorradwerkstatt, in der dein Motorrad gegen ein Dankeschön und ein Bier wieder flottgemacht wird, weil du jung bist, unterwegs und gerade nicht viel hast. Die Fahrerin oder den Fahrer, die oder der auf einem besonders kniffligen Abschnitt des TET anhält, um jemandem aus der Patsche zu helfen. Oder die Menschen im ADVrider-Forum, die Reisenden auf der Durchreise ganz selbstverständlich einen Platz für ihr Zelt im Garten anbieten.

Sie wollen dafür sorgen, dass diese Geschichten weitergehen. Dass diese Menschen weiterfahren.

Keep 'em riding ist deshalb kein Werbespruch.Es ist ein Versprechen.

Und ja – Enduristan baut zufällig auch absurd leichtes und kompromisslos zuverlässiges Gepäck, das dich nicht im Stich lässt. Egal, ob du ein Wochenende auf dem Trans Euro Trail unterwegs bist oder dich durch die stürmischen Weiten Patagoniens kämpfst.

Was zugegebenermaßen ziemlich unpraktisch für meine Geschichte ist, denn auch das ist kein cleverer Marketingtrick.

In den letzten Jahren habe ich ihre Taschen, Duffels und Rucksäcke auf drei Kontinenten, auf drei verschiedenen Motorrädern und unter Bedingungen getestet, die irgendwo zwischen »Bitte, lieber Himmel, lass mich hier nicht verkochen« und »Fünftausend Meter über dem Meeresspiegel – ich friere« lagen.

Und …

sie funktionieren.

Verdammt gut.

Regen, Sturm, Fahrfehler (oder, diplomatischer ausgedrückt: ungeplante Bodenkontakte), endlose Etappen, Staub, extreme Temperaturen oder übles Gelände – das Material scheint sich davon nicht beeindrucken zu lassen. Es schaut sich das alles an und sagt sinngemäß: »Ist das schon alles?«

Und genau das gibt dir die Freiheit, dich auf das Wesentliche zu konzentrieren: aufs Fahren. In dem Wissen, dass dein Gepäck dich nicht im Stich lässt – ganz gleich, wie viele fragwürdige Entscheidungen du unterwegs noch triffst.

Und da ist noch etwas.

Enduristan wurde nicht in einem schicken, von Investoren finanzierten Büro gegründet. Die Idee entstand draußen – im australischen Outback und in den Wüsten Nordafrikas. Dort merkten David und seine Frau Isabel auf die harte Tour, dass gutes Gepäck eben doch einen Unterschied macht.

Also beschlossen sie, ihr eigenes zu entwickeln.

Aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal.

Denn genau deshalb bin ich hier.

Nicht, um Marketing zu machen.

Sondern um herauszufinden, wie man die Geschichte eines Unternehmens erzählt, das viel zu bescheiden ist, um ständig davon zu sprechen, dass ihm das Abenteuer – und die Menschen, die es erleben – immer noch wichtiger sind als der große Auftritt.

Ehrlich.

Authentisch.

So, wie es wirklich ist.

Ich werde mein Bestes geben.

Und ich werde diese Geschichten erzählen.

Bleibt dran.

Egal, wohin euch eure nächste Fahrt führt.

– Egle